Ist die Homo-Ehe spießig?
Ich bin heute zufällig auf den Artikel “Homoehe”? Nein danke! von Muriel Aichberger, Mitglied des Queer-Referats der LMU München gestoßen. Anders als vom Autor erwartet, war ich weder wutentbrannt – noch habe ich mich als konservativer Spießer enttarnt gefühlt, der um die Anerkennung der patriachalen Gesellschaft bettelt. Eigentlich war ich eher gelangweilt bis ermüdet. Was nicht direkt am Artikel selbst liegt – der ist durchaus gut geschrieben!
Allerdings bin ich es leid, als “Spießer”, “konservativ”, “unpolitisch” und “heteronormativ” zu gelten, weil ich gerne meinen Freund heiraten würde – eine ja eigentlich sehr private Entscheidung.
Wahrscheinlich unterscheiden sich meine Ansichten auch gar nicht so sehr von denen des Autors – wir betrachten die Thematik nur aus einer anderen Perspektive – ich halte meine für die pragmatischere.
Finde ich es richtig, dass die Ehe auf zwei Personen beschränkt ist? Nein.
Mir persönlich würde dies zwar vollkommen genügen, aber es gibt viele Lebensmodelle, die mehrere Erwachsene beinhalten – sei es eine Familie bestehend aus einem lesbischen und einem schwulen Paar mit gemeinsamen Kindern – oder eine andere Spielart der vielen möglichen Patchwork-Kombinationen – alle diese Lebensmodelle sind wertvoll und verdienen rechtliche Gleichbehandlung – was momentan nicht der Fall ist. Auch wenn sich drei Menschen lieben statt zwei – steht es der Gesellschaft nicht zu darüber zu urteilen.
Finde ich es richtig, dass Ehepaare steuerliche Vorteile bekommen, obwohl sie keine Kinder haben? Nein.
Kinder großzuziehen kostet viel Geld und ist ein Armutsrisiko in Deutschland – aus Solidarität ist die Gesellschaft dazu verpflichtet, Familien mit Kindern finanziell zu entlasten. Momentan hängt diese Förderung davon ab, wer die Eltern sind – die entscheidenden Faktoren: heterosexuell und verheiratet! Das Kindeswohl interessiert hier nur als Deckmantel für ein ideologisch verklärtes Weltbild. Das Ehegattensplitting als Anreiz für heterosexuelle Paare zum Kinderkriegen halte ich schon vom Grundgedanken her für puren Hohn. Wer vom Staat dafür “bezahlt” werden muss, dass er einen Kinderwunsch in Erwägung zieht, der sollte es im Sinne des potentiellen Nachwuches lieber bleiben lassen mit der Fortpflanzung. Womit wir zu einem entscheidenden Punkt kommen.
Das Konzept der romantischen Liebe revolutioniert das menschliche Zusammenleben
Wie der Autor des oben erwähnten Artikels ganz richtig bemerkt, hatte das Konstrukt Ehe lange Zeit rein gar nichts mit Liebe und Kindeswohl zu tun. Die Ehe war eine wirtschaftliche Bedarfsgemeinschaft – die Wahl des Ehepartners wurde in der Regel von den Eltern getroffen – unter ökonomischen Gesichtspunkten. Viele Kinder waren in erster Linie eine sichere Altersversorgung für die Eltern – auch heute scheint diese Denkweise noch verbreitet – man betrachte nur die Debatte bezüglich des demographischen Wandels. Die Menschen haben Angst um ihre Rente – und schreien reflexartig nach mehr Kindern – ungeachtet dessen, dass die Welt längst überbevölkert ist und natürliche Ressourcen knapper werden. Kinder gelten in dieser Debatte als Mittel zum Zweck – dem der gesicherten Altersversorgung. Das ist kein Zufall. Erst das Konzept der romantischen Liebe setzt voraus, dass der Mensch sich und andere Menschen nicht als Mittel zum Zweck, als Objekt also, sondern als Subjekt wahrnimmt. Man kann hier durchaus von einem Wertewandel sprechen. Aber dazu später mehr.
Die eigentliche Frage lautet also nicht – Ehe ja oder nein? Gesellschaftspolitisch gesehen ist das Konzept der Ehe lediglich ein Nebenschauplatz für ideologische Fanatiker. Die Ehe ist und bleibt ein Konstrukt – was sie ist, hängt davon ab, was wir daraus machen. Es liegt an uns sie mit unseren Werten zu füllen – es ist unsere Aufgabe unsere Zukunft mitzugestalten!
Die Ehe einfach nur abzulehnen, ist nicht sonderlich konstruktiv. Natürlich könnte man sie komplett abschaffen und stattdessen etwas ganz anderes einführen – ich halte das allerdings nicht für den richtigen Weg.
Das Konzept der Ehe hat sich über Jahrhunderte entwickelt, ist im gesellschaftlichen Selbstverständnis fest verankert – nachhaltige Veränderungen müssen in der Gesellschaft konsensfähig sein und deswegen kontinuierlich Stück für Stück passieren. Nur in Diktaturen sind radikale Neuerungen möglich – in einer Demokratie steht vor jeder Veränderung der gesellschaftliche Diskurs – weil jeder – bzw. zumindest die Mehrheit – diese Veränderung mittragen sollte. Das mag nervig und anstrengend für diejenigen sein, die ihrer Zeit bereits voraus sind – wer aber Wert auf die Mündigkeit jedes Bürgers legt und also hinter der Demokratie steht, der muss geduldig sein.
Die Homo-Ehe ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung – das Ziel ist eine Ehe, die jedes Lebensmodell berücksichtigt und keines benachteiligt.
Der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung muss zudem keine Anbiederung sein. Findet Aufklärungsarbeit, wie sie auch das Queer-Referat der LMU betreibt, zum Zwecke der Anbiederung statt? Wohl kaum. Es ist eine Errungenschaft der Emanzipationsbewegungen, dass offene Homosexualität nicht mehr dazu führt außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Jetzt sind wir da – mitten drin in allen Gesellschaftsschichten – jetzt liegt es an uns die Mehrheitsgesellschaft mit zu prägen, jetzt können wir damit anfangen uns breit zu machen. Ich sehe es gar nicht ein mich wieder selbst auszuschließen. Ich möchte nicht heiraten, um damit endlich die Norm zu erfüllen. Die Norm interessiert mich nicht. Wenn ich unbedingt der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollte, würde ich eine Frau heiraten. Ich möchte meinen Freund heiraten, weil ich ihn liebe und ich rechtliche Sicherheit haben möchte. Die Anerkennung der Gesellschaft hat bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. Trotzdem erwarte ich von der Gesellschaft, dass sie meine Beziehung anerkennt. Paradox? Nein. Ich möchte einfach in Frieden leben ohne Anfeindungen – das wird wohl jeder nachvollziehen können. Mehr nicht.
Wenn man sich die Reaktionen der selbsternannten Wächter der Ehe auf die Homo-Ehe einmal genauer anschaut, bemerkt man, dass sie die Lunte längst gerochen haben. Solange die Homosexuellen in ihrer Szene bleiben, außerhalb “ihrer” Gesellschaft, ist die Welt noch in Ordnung. Man hat das Gefühl, sie ahnen bereits, dass die Homo-Ehe ein weiterer Schritt ist auf dem Weg zu einem gleichberechtigen Zusammenleben der Menschen – die Homo-Ehe ist eine Etappe auf dem Siegeszug der romantischen Liebe und damit des selbstbestimmten Menschen, der sein Privatleben nach seinen Wünschen gestaltet.
Die wirklich entscheidende Frage ist: Welchen Stellenwert räumt man der romantischen Liebe ein?
Das Konzept der romantischen Liebe ist revolutionär! Es impliziert die absolute Wahlfreiheit des Menschen jenseits aller Ideologien. Der Mensch ist nicht länger mittel zum Zweck – er ist selbst das Subjekt, das die Entscheidungen trifft. Der Mensch wird erst im Konzept der romantischen Liebe in seinem Menschsein anerkannt. Der Partner ist nicht mehr Mittel zum Zweck (Fortpflanzung, wirtschaftlicher Vorteil) – man entscheidet sich frei aus der Liebe heraus für den Partner als Mensch. Auch die Entscheidung für oder gegen Kinder wird dementsprechend selbst getroffen – da auch das Kind nicht als Mittel zum Zweck (Arterhaltung, Altersvorsorge) gesehen wird, sondern wiederum als Mensch. Je mehr sich das Konzept der romantischen Liebe durchsetzt, desto mehr werden sich auch die Rahmenbedingungen der Ehe ändern.Wie eine Gesellschaft mit Homosexualität umgeht, sagt auch immer viel über das vorherrschende Menschenbild aus. Findet ihr nicht?
Übrigens lehnt nicht das gesamte Queer-Referat der LMU die Homo-Ehe ab – hier findet ihr das Plädoyer für die Homo-Ehe von Theresa Baum, ebenfalls Mitglied des Queer-Referats.
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Bild: Flickr.com/Chefzwerg
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manfred Meyers